« En politique, il faut parfois savoir redessiner les lignes »
Cham, 10.09.2026 — Allocution du conseiller fédéral Martin Pfister, chef du Département fédéral de la défense, de la protection de la population et des sports (DDPS), prononcée lors de la Conférence des services cantonaux de la Géoinformation et du Cadastre (CGC) à Cham, le 10 septembre 2026.
La version orale fait foi
Sehr geehrte Damen und Herren
Ich danke Ihnen für die Ehre, als Zuger zu Ihnen sprechen zu dürfen. Es ist gut, auf heimatlichem Boden zu stehen. Als Bundesrat darf ich selten so klar sagen: Hier kenne ich mich aus. Hier bin ich ortskundig. Hier ist mir das Koordinatensystem vertraut.
Es wäre vermessen, wenn ich als Historiker (und erst noch ein Politiker) behaupten würde, Ihr Handwerk zu verstehen. So weit will ich nicht gehen. Aber eine gewisse Verwandtschaft gibt es.
Denn auch ein Bundesrat ist ein Vermesser: Er vermisst Möglichkeiten, Fallhöhen und Gefahrenzonen. Und regelmässig ziehen Vermesser Grenzen. Oder machen diese wenigstens sichtbar.
Daniel Kehlmann lässt - in seinem Roman «Die Vermessung der Welt» - den Mathematiker und Astronomen Carl Friedrich Gauss sinngemäss sagen: Wenn einem die Dinge Angst machen, sei es eine gute Idee, sie zu vermessen.
Auf älteren Karten kennen wir die Warnung «Hic sunt leones» – «Hier gibt es Löwen.»
Im Bundeshaus wurde, soweit ich weiss, noch niemand gefressen. Doch politische Bisswunden soll es regelmässig geben. Eine «Gefahren- und Risikokarte Bundesbern» im Massstab 1:25'000 fehlt jedoch bis heute im Angebot von «Swisstopo».
Politik bleibt ein unberechenbares Gelände.
Während Sie die Landschaft und das Grundeigentum der Schweiz mit hoher Genauigkeit erfassen, ist die politische Landschaft deutlich weniger zuverlässig vermessen. Sie arbeiten mit präzisen Massstäben. In meinem Alltag wäre ich manchmal froh, wenn man sich schon nur auf einen Massstab einigen könnte.
Links ist nicht immer Westen, rechts nicht immer Osten. Und politische Koordinaten können sich erstaunlich rasch verschieben.
Die politische Landschaft kennt zudem Flurnamen und Pfade, die Sie auf keiner handelsüblichen Karte finden: Vom «Tal der guten Idee» führt der Weg häufig über die «Schuldenberge», vorbei an «Blockadenburg» bis man schliesslich vor der «Steilwand der Schuldenbremse» steht.
Über eine erwähnenswerte Besonderheit verfügt jedoch die Karte der politischen Landschaft: Bei uns dürfen die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger bei der Nachführung selber Hand anlegen. Regelmässig wird die Schweiz an der Urne neu vermessen.
Und wie bei jeder Vermessung braucht es auch in der Politik verlässliche Bezugspunkte. Unser Fixpunkt ist die direkte Demokratie. Unsere x- und y-Koordinaten die Verfassung und der Rechtsstaat.
Sie hüten die Grunddaten des Landes.
Gerade wenn sich rundherum vieles verschiebt, steigt der Wert dessen, was verlässlich ist.
Und damit komme ich zu Ihrer eigentlichen Arbeit.
Bei Ihnen, meine Damen und Herren, steht man auf festem Grund. Dank Ihnen verlieren wir nicht die Orientierung.
Ob Raumplanung, Bauvorhaben, Naturgefahren oder Grundeigentum: Verlässliche Geoinformationen bilden das Fundament unseres Alltags:
Ihre Daten sind Teil der Sicherheitsinfrastruktur unseres Landes.
Die Armee ist einer der wichtigsten Nutzer Ihrer Daten. Ohne verlässliche Geoinformationen ist eine präzise Verteidigung nicht möglich. Die enge Verbindung von Landesvermessung und Sicherheit reicht bis zu General Guillaume-Henri Dufour zurück.
Das ist kein historischer Zufall: Wer ein Land schützen will, muss sein Gelände kennen. Die Armee braucht Ihre Daten, um strategisch zu handeln. Sie ist die grösste Bezügerin von gedruckten Karten; über 100 Systeme der Armee (Führungssysteme, Simulatoren etc.) nutzen digitale Geodaten.
Rechtssicherheit beginnt oft mit einer Linie.
Die amtliche Vermessung bildet zusammen mit dem Grundbuch eine Grundlage für die Sicherung des Grundeigentums und des Hypothekarmarkts. Ohne Sie gäbe es keine klare Eigentumsordnung und damit keine stabile Wirtschaft.
Sie leisten aber auch «Friedensförderung»: Dank ihren Grundlagen sind Grenzstreitigkeiten zwischen der Schweiz und unseren Nachbarn äusserst selten.
Sie sind die Hüter der Objektivität.
Man kann den Lake Ontario oder den Golf von Mexiko per Dekret umbenennen. Aber Linien und Winkel lassen sich nicht einfach biegen. «Nichts, was einmal jemand vermessen hat, kann man wieder ändern», schreibt Kehlmann in seinem Roman. Vermessung schafft eine gemeinsame Wirklichkeit.
Die Schweizer Vermessung ist Föderalismus in seiner präzisesten Form.
Bund, Kantone, Gemeinden und Private arbeiten zusammen. Nicht immer konfliktfrei, aber seit Generationen mit bemerkenswerter Kontinuität. Wer den Schweizer Föderalismus kennt, weiss: Schon das allein ist eine beachtliche Vermessungsleistung. Einige sprechen gar von einem föderalen Wunder von Bern. Das sagt ein Bundesrat, der in seinem Alltag mit dem Wort «Wunder» eher sparsam umgeht.
Und diese wundersame Zusammenarbeit geht heute in die nächste Etappe. Im Moment ist swisstopo zusammen mit den Kantonen daran, die Nationale Geodateninfrastruktur (NGDI) aufzubauen. Mit «Swissgeo» schaffen wir gemeinsam einen einfacheren Zugang zu den amtlichen Geodaten der Schweiz. 2026 soll eine erste Version in Betrieb gehen.
Ihre Bedenken und Sorgen sind mir bekannt.
Ich kann Ihnen versichern, «Swissgeo» ist kein Sparprojekt des Bundes. Im Gegenteil wird der Bund mehr als die Hälfte der Kosten tragen. Dank der Zusammenarbeit werden die Mittel von Bund und Kantonen aber effizienter und effektiver eingesetzt.
Mit der NGDI wird an der bestehenden, rechtlich festgelegten Kompetenzverteilung zwischen Bund und Kantonen nichts verändert. Die Zuständigkeit bleibt bei den dafür verantwortlichen Stellen: Bei Bund, Kantonen und Gemeinden. Somit können die Kantone ihre «Spezialitäten» auch weiterhin behalten und Geodaten gemäss ihren Bedürfnissen erheben.
Die Befürchtung, dass die Kantone zu reinen Datenlieferanten degradiert werden, ist ebenfalls unbegründet. Das neue Portal wird gemeinsam vom Bund und den Kantonen getragen und geführt. Eine entsprechende Vereinbarung ist in Vorbereitung und sie werden in Kürze dazu Stellung nehmen können.
Die Grundidee, die unsere Arbeit seit jeher prägt, ist einfach und zeitlos: Gemeinsam erreichen wir mehr.
Das war immer so. Und wird so bleiben.
Denn was wäre die Schweiz ohne präzise Vermessung?
Kaum ein anderes Land ist so komplett und exakt vermessen und kartographiert wie die Schweiz. Darauf sind wir stolz.
Wer das Parlamentsgebäude durch den Besuchereingang betritt, steht sogleich vor einem eindrucksvollen Meisterwerk: Einer riesigen Dufourkarte der Schweiz. Sie ist weit mehr als ein Kunstwerk. Sie entstand zwischen 1845 und 1865 gleichzeitig mit dem modernen Bundesstaat. Auf ihr treten die Kantonsgrenzen zurück, während die Landesgrenze sichtbar wird. Die Schweiz wurde nicht nur politisch geeint. Sie wurde auch als gemeinsamer Raum sichtbar.
Kartographen und Vermesser kennen bis heute keine Randregionen.
Jedes noch so entlegene Tal, jeder noch so kleine Weiler wird erfasst und vermessen. Niemand wird ausgeblendet. Ihr aufmerksamer Blick reicht bis an die Ränder. Von Ihnen können Politikerinnen und Politiker viel lernen. Alles, was zum Land gehört, wird im Auge behalten.
Meine Damen und Herren
Ich habe es eingangs erwähnt:
Politik arbeitet selten mit scharfen Linien
Politikerinnen und Politiker müssen manchmal auch mit Unschärfen leben.
Umso wichtiger sind Fachleute wie Sie, die Bezugspunkte und damit Orientierung schaffen. Denn bevor man entscheiden kann, wohin man will, sollte man wissen, wo man steht.
Aus diesem Grund bin ich stolz, von Amtes wegen auch ein Vermesser zu sein.
Ich danke Ihnen für Ihre Arbeit.